Man entdeckt keine neuen Erdteile,
ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.

ANDRE GIDE

Geschichten, deren Namen man erst später findet

Auf meinem Weg, sei es auf Wanderungen oder auch im beruflichen Alltag, sind mir immer wieder Menschen begegnet, die ohne spezielle Worte eine Geschichte erzählt haben. Ich habe sie mit mir getragen und oft erst später deren Thema erkannt und realisiert, wie erzählenswert sie eigentlich war.

Rasen-Mäher
Begegnung auf dem Alpe-Adria-Trail

Die Pension Wiegele in Velden am Wörthersee, wo wir uns inmitten der weiss gekleideten Schickeria mit unseren Wanderklamotten etwas extraterrestisch vorgekommen sind, liegt am Rand der kleinen Stadt. Wir haben einen Ruhetag eingeplant. Badetag –es ist über 30 Grad warm– und Ruhe-Tag.
Auf dem Nachbargrundstück –das man sich ungefähr so vorstellen muss: ein Fussballfeld gross Rasen, in der Mitte einsam ein Haus, keine Büsche, keine Bäume, einfach Fläche– fährt ein Mann auf seinem Rasenmäher seine Runden. Unendliche Runden. Eigentlich gibt es nichts zu mähen, aus unserer Sicht jedenfalls. Der Rasen ist tip top gepflegt.

Ob tip-top denn nicht genüge, fragen wir Regine Wiegele, die Gastgeberin. Nein, der Rasen müsse p-e-r-f-e-k-t sein, meint sie. Sie muss es wissen, sie kennt ihren Nachbarn gut.
Es knattert unablässig der Motor. Der kleine Traktor dreht seine ewigen Runden. Welchen Reiz, so fragen wir uns, muss das haben, bei dieser Hitze Runde um Runde zu drehen, und das im Motorenlärm?
Regine klärt uns auf: Der Mann ist taubstumm. Seine Frau auch.
Doch, denken wir uns jetzt, auf einem Traktor sitzen und rasenmähen kann seinen Reiz haben.

Seraina* wird vermisst
Seraina kommt nicht zu Hause an. Die Lehrerin hegt einen Verdacht.

Es ist Mittwoch vor den Frühlingsferien, gegen halb zwei Uhr, als im Sekretariat das Telefon läutet: die Mutter von Seraina, einer 15-jährigen Schülerin. Seraina sei nicht zuhause angekommen. Grosse Aufregung, grosse Sorge.
Die Rückfrage bei der Busfahrerin ergibt: Der Bus ist mittags pünktlich angekommen; Seraina ist direkt zur Haustür des Wohnblocks gegangen, hat die Eingangstür geöffnet und ist im Haus verschwunden. So weit alles wie immer.
Seraina hat aber am Morgen der Lehrerin mitgeteilt, sie sei heute alleine zuhause. Das passt irgendwie nicht zusammen. Die Lehrerin, mit der ich im Auto zum Wohnort von Seraina unterwegs bin, äussert einen Verdacht: Shopping!

Wir kommen an, Herr M., der Vater, bittet uns aus dem Fenster der Nachbarwohung zu sich hinauf. Wir treten in die Wohnung ein. Dort treffen wir zu unserer Verblüffung einen Polizisten und eine Polizistin an und zu unserer noch grösseren Verblüffung –aber auch zu unserer grossen Erleichterung– Seraina. Sie sitzt still und bedrückt am Tisch.

Die Polizistin möchte pflichtbewusst ein Verhör durchführen. Die erfahrene Lehrerin weist sie aber auf die Beeinträchtigung der jungen Frau hin. Ein Verhör bringe nichts.

Und das ist Serainas Geschichte: sie hat gewartet, bis der Schulbus wieder abfuhr, begab sich sogleich zur Bushaltestelle und in den nächstbesten Bus nach Spreitenbach, Tivoli. Im Shoppingcenter suchte sie zielstrebig das Spielzeuggeschäft Toys"R"US an. Ebenso zielstrebig behändigte sie sich eines Walkie-Talkies, schon immer der Gegenstand ihrer Träume. Sie wurde aber auf frischer Tat ertappt und der Polizei übergeben.
Ortskundig lotst Seraina danach die Polizei aus dem Fond des Streifenwagens zu sich nach Hause. Der Polizei gibt sie aber clevererweise den Namen des Klingelschildes der Nachbarwohnung an.

Die Lehrerin klärt die Polizisten über die Beeinträchtigung der jungen Frau auf, die die Situation zu verstehen beginnen. Die Polizisten gehen zurück zum Spielzeuggeschäft, das gleich nach der Tat gegenüber der Polizei Anzeige erstattet hatte. Mit den neuen Informationen zieht das Geschäft die Anzeige zurück. Die Mutter ist sehr erleichtert und der Vater stellt fest, dass es in der Familie mit dem Autonomiebedürfnis von Seraina wohl ein Thema gebe, dem man inskünftig nachgehen wolle.

*Name geändert